„Abwarten im Verlauf der Katastrophe macht keinen Sinn. Es wird Zeit, dass wir erkennen, dass wir es mit einem medizinischen Notfall zu tun haben.“
Am Sonntag, dem 17. Mai 2026, veröffentlichte die Pan-European Commission on Climate and Health (PECCH) ihren mit Spannung erwarteten „Call to Action“ – einen 54-seitigen Bericht, der die Weltgesundheitsorganisation (WHO) auffordert, den Klimawandel als „Public Health Emergency of International Concern" (PHEIC) einzustufen. Diese Klassifikation ist die höchste Alarmkategorie, die der WHO-Systematik kennt; zuletzt wurde sie beim Ausbruch der Covid-19-Pandemie aktiviert.
Die Veröffentlichung ist bewusst terminiert: Die WHO eröffnet am heutigen Montag in Genf ihre Weltgesundheitsversammlung, das zentrale Entscheidungsforum der 194 Mitgliedstaaten. Dort soll der Bericht der Kommission auf höchster politischer Ebene diskutiert werden.
Die Kommission im Überblick
- Eingesetzt von der WHO-Region Europa im Juni 2025
- Vorsitz: Katrín Jakobsdóttir, frühere Ministerpräsidentin Islands
- Wissenschaftlicher Chefberater: Sir Andrew Haines, London School of Hygiene & Tropical Medicine
- 13 Mitglieder aus 53 Ländern der WHO-Europaregion, darunter frühere Regierungschefs, Minister und Vertreter internationaler Organisationen
- Weitere bekannte Mitglieder: Hans Bruyninckx (ehem. Leiter der EU-Umweltagentur EEA) und Connie Hedegaard (ehem. EU-Umweltkommissarin)
- Aus Deutschland: Karl Lauterbach (SPD), ehem. Bundesgesundheitsminister
17 Empfehlungen in vier Handlungsfeldern
Der Bericht gliedert sich in 17 konkrete Empfehlungen, die vier Bereiche abdecken: die Einstufung des Klimawandels als wachsende Bedrohung für die Gesundheitssicherheit, die Transformation der Gesundheitssysteme, die Stärkung lokaler Maßnahmen sowie die Reform wirtschaftlicher und finanzieller Strukturen. Besonders konkret ist die Forderung nach einem Abbau von Subventionen für fossile Energieträger, die die Kommission als zentralen Hebel für eine nachhaltigere Gesundheitspolitik bewertet.
Die Kommission ruft Regierungschefs zudem dazu auf, Klima und Gesundheit auf die Agenda nationaler Sicherheitsräte zu setzen – unter Einbeziehung der Ministerien für Verteidigung, Energie und Finanzen. Die Argumentation: Der Klimawandel sei selbst ein primäres Sicherheitsrisiko, das Infrastruktur, Gesundheitssysteme sowie die Lebensmittel- und Wasserversorgung gefährdet.
Erschreckende Zahlen als Grundlage
Die Kommission stützt ihre Forderungen auf alarmante Daten: Laut dem Bericht sterben in Europa jährlich rund 600.000 Menschen an den Folgen der Verbrennung fossiler Brennstoffe. Hinzu kämen rund 60.000 hitzebedingte Todesfälle pro Jahr. Im Rekordhitzejahr 2024 seien allein in Europa rund 63.000 Menschen an Hitzefolgen gestorben. Die Temperaturen seien in Europa in den vergangenen Jahrzehnten zudem doppelt so stark gestiegen wie im globalen Mittel.
Eine vom Umweltbundesamt vorgelegte Studie untermauert diese Befunde: Hitzestress führe sowohl in städtischen als auch in ländlichen Gebieten zu erhöhter Sterblichkeit, besonders bei Menschen über 65 Jahren.
Was eine PHEIC-Erklärung bedeuten würde
Eine Einstufung als Public Health Emergency of International Concern wäre in der Geschichte der WHO ein Novum für eine Krise, die sich nicht als akutes, grenzziehendes Ausbruchsereignis manifestiert. Die WHO-Systematik sieht diese Kategorie eigentlich für rasch eskalierendes Geschehen wie Pandemien vor; der formale Entscheid obliegt allein dem WHO-Generaldirektor nach Maßgabe der Internationalen Gesundheitsvorschriften (IGV). Die Kommission selbst kann daher keine PHEIC ausrufen – ihr Vorstoß ist zunächst ein politisch-strategisches Signal, das vor der Weltgesundheitsversammlung öffentlich platziert wird und internationalen Koordinationsdruck erzeugen soll.
Jakobsdóttir formulierte die Botschaft der Kommission klar: „Der Klimawandel ist keine Bedrohung allein für künftige Generationen. Er ist eine reale und gegenwärtige Gefahr für uns jetzt in Europa. Klimaschutz ist keine Notwendigkeit allein, sondern eine Investition in eine gerechtere und resilientere Gesellschaft.“
Lauterbach: „WHO muss mehr Aufmerksamkeit widmen“
Karl Lauterbach, der nach dem Ende der Ampel-Koalition weiter dem Bundestag angehört und seit Mai 2025 den Ausschuss für Forschung, Technologie und Raumfahrt leitet, nutzte die Bühne der Kommission für eine unmissverständliche Botschaft an die Weltgemeinschaft. „Die WHO muss der Bekämpfung der Klimakrise mehr Aufmerksamkeit widmen. Abwarten im Verlauf der Katastrophe macht keinen Sinn“, sagte er gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Die Klimakrise sei ein medizinischer Notfall – und müsste als solcher behandelt werden.
Ob die Weltgesundheitsversammlung den Appell der PECCH aufgreift und konkrete Schritte einleitet, bleibt abzuwarten. Die Kommission hat ihren Teil getan: Sie hat das Thema mit gezieltem politischen Timing auf die internationale Agenda gesetzt.